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Vor drei Jahren in einem Hotelzimmer in Hongkong

Am 20. Mai 2013 traf ein mit allen Möglichkeiten rechnender Edward Snowden von Hawaii kommend in Hongkong ein. Die Ereignisse der darauf folgenden Tagen und Wochen finden sich hier auf the Guardian chronologisch zusammengefasst. Im Groben sollte eigentlich jeder mündige Mensch wissen, was da passierte und was es bedeutet.

Wohl in Russland und mehr unfrei denn frei setzt Snowden sein Engagement fort, wenngleich auch der Fokus der medialen Öffentlichkeit auf andere Geschehnisse leuchtet. Letzteres ist sehr schade. Überhaupt, es rollten nirgendwo Köpfe von Verwantwortlichen. Es musste kein US-President abtreten, keine Kanzlerin und auch kein Premier. Stattdessen wird die Totalüberwachung recht offen und mit heruntergeklapptem Visier ausgebaut. Die Dinge beschleunigen sich.

Seine Schuld? Die notwendige Wahrheit!

Edward Snowden ist der Verdienst zuzusprechen, uns die größte Dreistigkeit der Menschheitsgeschichte mit globalem Bezug aufgezeigt zu haben. Ich sehe beklommen und an manchen Tagen auch mutlos die vollständige Bespitzelung unserer Kommunikation, welche zudem die größtmögliche Analyse unserer Beziehungsgeflechte bedeutet. Hinzu kommen die Erstellung von Bewegungsprofilen, der massenhafte Einbruch in Persönliche Computer und Smartphones, die staatliche Sabotage von Open Source Software und die politisch legitimierte Inpflichtnahme von Industrie, Wirtschaft und Ämtern. Wir haben uns in einem Albtraum wiedergefunden.

Wir kehren ein in eine Welt, in der ein kontrollierendes System der Totalüberwachung alle potentiellen Systemänderungen sofort sieht, oder gar im Vorfeld den Entstehungsprozess solcher nonkonformen Muster erkennt. Was die Datensammelei erst mit Sinn beseelt, ist schließlich die Auswertung der Masse von gestohlenen Informationen. Totalüberwachung bedeutet eine Granularität bis runter auf das Individuum. Solch ein System verhöhnt all diejenigen, welche vorgeblich ‘nix zu verbergen haben‘, denn es nimmt den Menschen die Würde durch Kenntnis aller Gedanken und Überzeugungen.

Manche von uns haben noch immer nichts zu verbergen

Offenbar sind sich diese Leute nicht im Klaren darüber, dass allein schon das Wissen um die Totalüberwachung die Freiheit der Lebensführung signifikant einzuschränken imstande ist und es auch tatsächlich so geschehen lässt. In einer Welt, in der mit jedem Menschen eine detaillierte elektronische Akte verknüpft ist, allumfassend und dynamisch aus allen erdenklichen Quellen gespeist, wird sich der Einzelne seine Lebensweise immer wieder sehr genau überlegen. Zwangsläufig passieren Vermeidungsstrategien. Nicht aufzufallen, gerät zur kontinuierlichen Kür. Es wird ängstlich überlegt, ob man selbst mit bestimmten Menschen oder Gruppierungen in Verbindung gebracht werden will. Gleiches gilt für die eigene sexuelle Orientierung, religiöse Belange oder ganz eigene weltanschauliche Überzeugungen. Big Data sorgt hier zuverlässig für berechenbare Probleme. Ist der Mensch etwa datentechnisch assoziiert mit dem Interesse an den Ideen des Kommunismus, gibt’s potentiell Probleme bei der Einreise in die USA. Bisexuelle, Schwule und Lesben, welche in Russland oder der Arabischen Welt bisher erfolgreich Repressalien durch Geheimhaltung ihrer Privatsphäre entgehen konnten, würden kaum besserer Behandlung entgegenblicken.

Wo ein Trog ist, kommen die Schweine

Die volle Breitseite der öffentlichen Aufmerksamkeit haben gegenwärtig GCHQ, NSA und und all die anderen Geheimdienste. Allesamt hängen sie zusammen und tauschen munter Daten. So ist es wohl auch die schamhaft verborgene Mitschuld an dem Überwachungsmonster, welche den Regierungen vor allzu großer Menschenliebe im Fall Edward Snowden im Wege steht.

Alles ist wirklich viel schlimmer, als ich es vor Edward Snowden vermutet hatte. Und ich war zuvor bereits sehr argwöhnisch. Der Grad der Überwachung ist offenbar identisch mit dem Grad der zur Verfügung stehenden Gelder und der technischen Machbarkeit. Macht man sich diese Denkregel zueigen, dann lässt sich schon in die Zukunft blicken und Rückwärtiges besser verstehen. Mehr dazu in einem anderen Artikel.

Über John Cyber

Mittleren Alters und verheiratet. An Raumfahrt und high tech interessierter Programmierer. Stets für Software- und Hardwarebasteleien zu begeistern. Fürsprecher der Privatsphäre in Computern und Netzen.

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