Die Angst vor dem Paradigmenwechsel auf dem Mac und anderswo

Der Ärger über ehemals gute Software auf dem Mac, welche schlicht nicht mehr weiterentwickelt wird, gibt Anlass zu diesem kleinen Artikel. Gepaart mit der Erkenntnis, dass die Entwickler jener Software unterdessen mit der monetär vielversprechenderen Herstellung kleiner ‘Apps’ beschäftigt sind.

Auch auf dem Mac schreitet die Zeit voran und es gibt eine technische Fortentwicklung. Doch innerhalb der Anwenderschaft schwelt die Sorge, dass Aufwand und Innovationen sich vorwiegend auf die Bedürfnisse des App Store und dessen Absicherung konzentrieren. Da werden schließlich Millionen und MIlliarden umgesetzt mit solchen Apps, die in ihrer funktionalen Reduktion offensichtlich den Bedürfnissen der sehr breiten Masse sogenannter casual user entsprechen.

Der Code folgt dem Geld

Warum also sollte die einzelne Softwarebude den Aufwand betreiben, mit der erforderlichen Motivation und Akribie eine ausgewachsene und funktionsreiche Anwendung klassischer Art zu entwickeln und zu pflegen, zumal die Konkurrenz drumherum mit vergleichsweise primitiven Progrämmchen (Apps) Unmengen an Geld schaufelt? Wieso sollte man die nötige Manpower der Komplexität eines Großprogramms anheim fallen lassen, wenn man dasselbe Personal im selben Zeitraum eine Zahl kleiner Apps fertigen lassen kann und mit etwas Glück die Kasse eher und beständiger klingelt?

Natürlich soll an dieser Stelle gesagt werden, dass es jenseits des Mainstreams auch in App Store Gefilden mächtige und lobenswerte Programme alter Machart gibt. Doch sind diese Perlen dann benachteiligt durch die systemischen Schwächen des Mac App Store. So können diese durch den Shop-eigenen Prüfprozess selten zeitnah aktualisiert werden und man kann für major releases nicht extra zur Kasse bitten (was aber für Entwickler guter Software existentiell wichtig ist).

Noch ist der wallet garden an manchen Stellen durchlässig

Ach, es bereitet Sorge. Wo treiben wir hin mit unseren Macs. An anderer Stelle habe ich bereits meine Sorge ausgesprochen, dass im Zuge der Konzentration auf die Massen und deren Kaufverhalten im App Store möglicherweise die Tastatur am iMac wegfällt und wir am großen Schirm mit Fingergesten werkeln dürfen. Und noch haben wir, Steve Jobs und NeXTStep sei dank, den unixoiden Unterbau, wo mit Kommandozeile und Unixkenntnissen, aber auch mit Projekten wie etwa Homebrew gegenwärtig noch endlose Möglichkeiten zur Verfügung stehen. Auch haben wir noch AppleScript zur Verfügung und trotz der Hassliebe zur plattformeigenen Scriptsprache, bleibt es ein tägliches Werkzeug, um fast alles hinzubiegen, was die Softwareanbieter uns auf dem Mac nicht mehr integriert zur Verfügung stellen wollen.

Was aber passiert, wenn zum Erscheinungstermin von Mac OS XI (bzw. Mac OS X 11.0) mit hartem Besen gekehrt wurde und möglicherweise all das wegfällt, was den Mac im Moment für uns Poweruser und Nerds noch das einzig brauchbare Desktop-System sein lässt? Was, wenn wir plötzlich nicht mehr mit mounten, pipen und scripten funktionsarmen Applikationen unter die Arme greifen können? Was, wenn Programme von außerhalb des App Store nicht mehr installierbar sind oder dergestalt nur stiefmütterlich behandelt im System mitlaufen dürfen?

Am Ende bleibt kein Ausweg

Der Gedanke, am Ende die Reißleine zu ziehen und schlicht das System zu wechseln mutet tapfer an. Allerdings darf erinnert werden, dass mit systemeigenen Softwareshops richtig viel Money erwirtschaftet wird. Das bedeutet bereits jetzt, dass sie allesamt auch an dem neuen Trend mitverdienen wollen und es ähnlich aufziehen, ganz gleich, ob auf Smartphones oder Desktops. Und so dürften die Möglichkeiten für den wechselwilligen Nerd dezimiert werden.

Natürlich bleiben Linux und FreeBSD, doch setzen diese auch eine Hardware voraus, auf der sie laufen dürfen. Ja: dürfen. Denn zu unserer eigenen Sicherheit sind die umsatzorientierten Großkonzerne der IT-Branche mit all ihrem Einfluss schon längst erpicht darauf, dass wir mittelfristig nur noch trusted und signed Hardware erwerben dürfen, auf welcher nur genehme kommerzielle Software valide und lauffähig sein darf. Ein Albtraum.

Die jetzige und die kommende Social-Network-Generation werden, ähnlich dem Frosch im sich langsam erwärmenden Wasser, nichts vom Verlust der Freiheit und der Möglichkeiten merken. Hier braucht es nur Oberflächen, um Webinhalte bunt und stylish darzustellen. Die alten Nutzer der ersten und der zweiten Stunde allerdings, die dürften dem Wegfall des universalen Computers (und des freien Netzes) schwermütig nachtrauern.

Hortet und unterstützt

Was sonst noch getan werden kann, ist Projekte wie die Free Software Foundation und die Electronic Frontier Foundation zu beobachten und nach Kräften zu unterstützen. Natürlich soll man mit Linux am Ball bleiben und stets Linux-kompatibler Hardware den Vorzug geben (außerhalb der Mac Ebene). Bleibt noch das Thema rund um verplombte Hardware (UEFI und Co.). Hier hilf nur das eigene Horten von Standard-Hardware. Also Mainboards, CPUs, Netzwerkkarten, Massenspeicher und Bildschirme ohne vollends verschlüsselte Signalkabel sorgfältig einlagern.

Sollte am Ende aller Tage nämlich nur unfreie Software auf unfreier Hardware allein dank der Gunst einiger weniger Konzerne laufen, so bleibt uns wenigsten für eine gute Weile unser Vorrat an echten Computern.

John Cyber

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